Was tun, wenn Loyalität eingefordert wird, wo eigentlich Widerspruch nötig wäre?
Einen Text bewusst verfälschen, um eine regierungskritische Band zu diskreditieren – oder die eigene Praktikumsbescheinigung riskieren? Einen Kunden bei der Polizei melden, weil es der Vorgesetzte verlangt? Mit genau solchen Dilemmata setzten sich die Schüler*innen der Klasse 10d am 29. Januar 2025 im Planspiel „Ecomisia“ am JLG auseinander.
Nur zwei Tage nach dem Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau stand für die Zehntklässler*innen damit Demokratiebildung ganz konkret im Mittelpunkt. Vorausgegangen war der Besuch des Theaterstücks „Ab heute heißt du Sara“ am GRIPS Theater, das auf der Autobiografie der Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron basiert. Die Darstellung ihres Überlebens als jüdisches Mädchen im nationalsozialistischen Berlin hinterließ bei allen einen nachhaltigen Eindruck.
Im anschließenden Planspiel schlüpften die Schülerinnen – angeleitet von zwei Theaterpädagoginnen des GRIPS Theaters – in Rollen innerhalb eines fiktiven autoritären Staates. In Kleingruppen mussten sie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen nicht eindeutig waren und moralische Grauzonen offenlegten: Mitmachen oder Widerstand leisten? Wegsehen oder handeln? Täterin, Mitwissender, Opfer oder stiller Helfer*in?
Gerade diese Zuspitzung machte erfahrbar, wie fragil demokratische Freiheiten sind, wie schnell sie eingeschränkt werden können und wie viel Mut es braucht, Verantwortung zu übernehmen. Zivilcourage und das aktive Eintreten für demokratische Werte wurden so nicht abstrakt diskutiert, sondern praktisch erlebbar.
Das Planspiel wurde von der Inge-Deutschkron-Stiftung entwickelt. Es verfolgt das Ziel, auch nach dem Ende der Zeitzeug*innengeneration einen emotionalen Zugang zur Geschichte des Holocaust zu ermöglichen und zugleich für aktuelle Gefährdungen durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus zu sensibilisieren.
Die Auseinandersetzung endet nicht an diesem Tag: In Kürze werden die 10. Klassen nach Krakau reisen und dort unter anderem die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen – einen Ort, an dem die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen unmittelbar erfahrbar werden.
Ein intensiver Tag, der nachwirkt – und der deutlich macht, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder geschützt und aktiv gestaltet werden muss. (Brg)

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